Reale versus virtuelle Kommunikation in der Corona-Krise

Momentan machen sich im Bildungssektor zwei Bewegungen bemerkbar. Zum einen machen 4100 Professoren und Hochschuldozenten mit ihrer Initiative „Zur Verteidigung der Präsenzlehre“ auf sich aufmerksam.[1] Sie schreiben: „Die Universität ist ein Ort der Begegnung. Wissen, Erkenntnis, Kritik, Innovation: All dies entsteht nur dank eines gemeinsam belebten sozialen Raumes. Für diesen gesellschaftlichen Raum können virtuelle Formate keinen vollgültigen Ersatz bieten. … Studieren ist eine Lebensphase des Kollektiven. Während des Studiums erarbeiten sich die Studierenden Netzwerke, Freundschaften, Kollegialitäten, die für ihre spätere Kreativität, ihre gesellschaftliche Produktivität und Innovationskraft, für ihren beruflichen Erfolg und ihre individuelle Zufriedenheit von substantieller Bedeutung sind. Dieses Leben in einer universitären Gemeinschaft kann in virtuellen Formaten nicht nachgestellt werden. … Die universitäre Lehre beruht auf einem kritischen, kooperativen und vertrauensvollen Austausch zwischen mündigen Menschen. Dafür, so sind sich Soziologie, Erziehungs-, Kognitions- und Geisteswissenschaften völlig einig, ist das Gespräch zwischen Anwesenden noch immer die beste Grundlage. Auch dies lässt sich nicht verlustfrei in virtuelle Formate übertragen.“

In der Tat werden damit die sozialen Grundlagen unseres Menschseins sehr deutlich umschrieben. Denn eines darf man bei den digitalen Medien nicht übersehen: Am Bildschirm ist jeder Mensch mit sich allein, getrennt von seiner Umgebung und seinen Mitmenschen. Die Treiber der Digitalisierung hingegen, insbesondere aber die Transhumanisten die hinter den Aktivitäten der Internetgiganten wie Google, Apple Facebook und Amazon  stehen, glauben an die technologische Optimierung und die Überwindung der Schwächen des Menschseins mittels digitaler Technologien und künstlicher Intelligenz. Ihnen schwebt eine Verschmelzung von Mensch und Maschinen vor, in der letztlich nur noch die Maschinen miteinander kommunizieren.

Eine solche Kommunikation ist freilich geschützt vor menschlichen Schwächen, sprich den Gefühlen und dem seelischen Sich-aufeinander-Einlassen. Dafür drohen im Bereich der Maschinenkommunikation andere Probleme, nämlich die Auslöschung des Seelischen, die Überwachungsproblematik, die technische Störanfälligkeit und die Sabotage durch Stromausfälle u.ä.

Suchen die genannten Professoren die Stärken der menschlichen Kommunikation aufzuzeigen und zurück zu erlangen, so machen Umfragen unter Oberstufenschülern auf die andere Seite, die Schwächen der menschlichen  Kommunikation aufmerksam. So berichtet die Süddeutsche Zeitung von einer Umfrage, bei der 17jährige Gymnasialschüler angaben, Online-Unterrichtsangebote dem Präsenzunterricht in ihrer Schule vorzuziehen.[2]  42% der befragten Gymnasiasten gaben an, beim Thema „Gründung einer Schülerfirma“ mit einem Lehrvideo besser gefördert zu werden als mit einer Besprechung im Unterricht. Lediglich 27% würden dem gegenüber den Präsenzunterricht dem Lernvideo vorziehen.

Nun ist diese Umfrage sicher nicht repräsentativ, deutet aber auf einen Trend hin, der unter Jugendlichen schon seit längerer Zeit zu beobachten ist. Das menschliche Gespräch hat immer den Nachteil, dass man sich dabei dem anderen gegenüber öffnen muss, denn man gibt Einblick in sein Seelenleben. Und das tun Jugendliche in diesem Alter zumeist äußerst ungern. Am Bildschirm oder Handy hingegen kann man sich mit seinem Seelenleben gut verstecken, ja kann dieses sogar hinter der Maske eines virtuellen Profils verstecken.

Auch in diesem Widerstreit konträrer Positionen zeigt die Corona-Krise einmal mehr deutlich ihr Gesicht: Durch die Pandemie trennen sich Licht und Schatten, werden Gegensätze deutlich erkennbar, und es werden Entscheidungen heraus gefordert: Wofür stehe ich, wofür will ich mich einsetzen, und wogegen will ich mich engagieren? Und das macht diese Krise für viele Menschen so anstrengend, weil sie sich häufig überfordert fühlen, permanent entscheiden zu müssen: Will ich das jetzt, oder nicht? Will ich diese oder jene Maßnahme mitmachen oder nicht?

Die Corona-Krise fordert also unser wahres Menschsein tatsächlich heraus, denn nur dadurch, dass wir uns auf dieses Menschsein und seine eigentlichen Grundlagen besinnen und entscheiden, wie wichtig dieses oder jenes für uns ist, können wir es auch schützen.

Und so heißt es in dem anfangs zitierten Aufruf der Hochschullehrer abschließend: „Wir weisen auf die Gefahr hin, dass durch die aktuelle Situation die herkömmlichen Präsenzformate an Wertschätzung und Unterstützung durch die Hochschulleitungen, die Bildungsministerien und die Politik verlieren könnten, eine Unterstützung, die sie in der Zeit nach Corona dringend brauchen werden. So sinnvoll und wichtig Maßnahmen zur Bekämpfung des Virus sind: Corona sollte nicht zu einer nachgereichten Begründung für Entwicklungen in der Lehre werden, die vor Corona offen und kritisch diskutiert wurden. Diese kritischen Debatten dürfen nicht durch scheinbare Evidenzeffekte, wie sie die Pandemie bisweilen produziert, abgekürzt werden. Die Präsenzlehre als Grundlage eines universitären Lebens in all seinen Aspekten gilt es zu verteidigen.“

Andreas Neider

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Kommentare: 1
  • #1

    Peter (Donnerstag, 25 Juni 2020 08:11)

    Als Vater von drei Kindern, davon zwei in der Pupertät, kann ich noch von einem ganz profanen Grund berichten, warum ggf. der virtuelle dem Präsenzunterricht vorgezogen wird: Man kann dabei liegen (& chillen)! Es gibt zeitweise nichts besseres, als den halben Tag auf dem Bett zu liegen und genau gar nichts zu tun.