Verfügen die Journalisten der Leitmedien noch über ein klares Denken?

[Andreas Neider:]  In den letzten Tagen tauchte in den Leitmedien wie z.B. in der Stuttgarter Zeitung oder beim Online-Portal von T-Online[1] eine vermeintliche Erklärung für die momentan stark gesunkenen Todeszahlen bei gleichzeitig steigenden Infektionszahlen in der Corona-Pandemie auf. Unter der Überschrift „Warum sinkt die Todesrate, und was bedeutet das?“, liest sich das in der Stuttgarter Zeitung zum Beispiel so:

„Die Todesrate ist deutlich zurückgegangen. Während Ende April laut RKI noch sieben Prozent der Covid-19-Patienten starben, liegt die Rate aktuell unter 0,5 Prozent der registrierten Infizierten. Das hat mehrere Gründe. Unter anderem werden inzwischen viel mehr Menschen getestet als zu Beginn der Pandemie – wodurch sich das Verhältnis von Infizierten zu Toten geändert hat. Zudem ist die Früherkennung besser geworden. Und während sich anfangs eher ältere Menschen infizierten, sind es nun verstärkt junge Leute, die meist robuster sind und weniger Vorerkrankungen haben.“

In einem Video bei T-Online.de wurde dieselbe Begründung unter der Überschrift „Warum die zweite Corona-Welle in Deutschland weniger tödlich ist“ gegeben.[2]

Sieht man sich diese Darstellung in der Stuttgarter Zeitung oder in dem Video auf T-Online.de genauer an, dann fragt man sich, was hier eigentlich gesagt oder begründet werden soll.

1.     Es ist nicht nur die Todesrate in Prozent herunter gegangen, sondern die absolute Zahl der Verstorbenen: So hatten wir vom 1. April bis zum 1. Mai 5800 Verstorbene wegen Corona, vom 1. August bis zum 1. September jedoch lediglich 160 Verstorbene (Daten des RKI), also nur noch einen Bruchteil von 3,6% der Todeszahlen im Frühjahr.

2.     Was nicht erwähnt wird, ist die Tatsache, dass die Ministerpräsidenten und Kanzlerin Merkel im Sommer beschlossen haben, die Teststrategie wegen der Reiserückkehrer zu ändern.

3.     Dass jetzt mehr Corona-Fälle bei jüngeren Menschen auftreten, hängt also schlicht und einfach damit zusammen, dass jetzt anders getestet wird als im Frühjahr. Denn während im Frühjahr hauptsächlich Menschen mit Symptomen getestet wurden, also deutlich mehr ältere Menschen als jetzt, werden seit dem Sommer hauptsächlich Menschen ohne Symptome, sogenannte Reiserückkehrer getestet, und das sind eben überwiegend jüngere Menschen.

4.     Die Zunahme an zumeist symptomlosen Infektionen ist also der Änderung der Teststrategie zuzuschreiben. Dabei ist davon auszugehen, dass es im Frühjahr noch viel mehr solcher Infektionen bei jüngeren Menschen gegeben hat, nur hat man diese aufgrund der damaligen Teststrategie eben nicht bemerkt.

5.     Es handelt sich also real um keine Zunahme von Infektionen unter jüngeren Menschen, sondern lediglich um eine Zunahme an positiv Getesteten ohne Symptome in dieser Altersgruppe aufgrund einer veränderten Teststrategie.

6.     Nun könnte sich allerdings aufgrund dieser die Sachen verschleiernden Art der Darstellung eine logisch falsche Schlussfolgerung ergeben, dass nämlich aufgrund der vermeintlich steigenden Infektionszahlen bei jüngeren Menschen weniger Menschen, also ältere Menschen, sterben würden. Das wird zwar in den besagten Beiträgen so nicht gesagt, aber dennoch kann sich dieser Fehlschluss ergeben, weil nämlich die eigentliche Frage gar nicht beantwortet wird.

7.     Eine falsche Logik entspräche ungefähr der folgenden fiktiven Aussage: „Ich habe in den letzten zwei Wochen viel mehr Schokolade gegessen. Dadurch hat meine Frau zwei Kilo abgenommen. Die Absurdität dieser Aussage ist sofort offensichtlich, denn   zwischen meinem Schokoladeessen und dem Abnehmen meiner Frau besteht natürlich kein ursächlicher Zusammenhang.

8.     Ebenso besteht de facto keinerlei ursächlicher Zusammenhang zwischen der vermeintlichen Zunahme von Infektionen bei jüngeren Menschen und dem drastischen Rückgang von Todesfällen bei den älteren Menschen. Denn diese sterben nicht weniger in Abhängigkeit von Infektionen bei jüngeren Menschen, was aber durch die Art der oben zitierten Darstellung nahe gelegt wird. Sprich: Statistisch gesehen haben wir zwar durch die veränderte Teststrategie mehr positiv getestete junge Menschen ohne Symptome, und wir haben einen deutlichen Rückgang an Sterbefällen durch Corona bei den älteren Menschen. Zwischen beiden Phänomenen besteht jedoch überhaupt kein ursächlicher Zusammenhang!

9.     Denn das Virus, so erscheint es jedenfalls bei der zitierten Berichterstattung in den Leitmedien, sucht sich doch nicht einfach nach Belieben eine andere Altersgruppe aus, also jetzt die jüngeren Menschen, um gleichzeitig die Älteren zu verschonen!

10.  Die eigentliche Frage aber, warum seit Monaten viel weniger ältere Menschen versterben, die die nach wie vor dominierende Gruppe unter den Verstorbenen darstellen, (das Durchschnittsalter der Verstorbenen ist seit dem Frühjahr konstant bei 81 Jahren geblieben), diese Frage wird von den besagten Journalisten überhaupt nicht beantwortet. Man findet dazu in den Leitmedien jedoch auch sonst keinerlei Erklärungen.

Für diese Rückgänge könnte es nun verschiedene Ursachen geben, wovon wir drei mögliche hier aufzählen wollen:

1.     Die älteren Menschen sind vorsichtiger geworden, sie begeben sich nicht mehr auf die Straße, vermeiden jegliche Kontakte mit anderen Menschen und infizieren sich in Folge dessen nicht mehr.

2.     Die älteren Menschen werden in ihren Einrichtungen stärker geschützt, hygienische Maßnahmen wurden verschärft etc. Ob diese beiden Erklärungen zutreffen, müsste zunächst einmal untersucht werden.

3.     Dann aber sollte eine dritte Erklärungsmöglichkeit geprüft und weiter untersucht werden, nämlich die Frage, ob das Immunsystem der älteren Menschen, die sich bislang noch nicht mit dem Virus infiziert hatten, das Virus aufgrund einer vorhandenen Kreuzimmunität soweit abwehren kann, dass es eben nicht zu einem schweren Krankheitsverlauf kommt. Diese Annahme legen jedenfalls mehrere Untersuchungen zur Kreuzimmunität durch sogenannte T-Gedächtniszellen nahe, über die ich in diesem Blog bereits am 18. August berichtet habe. Sucharit Bhakdi hat in einem sehr aufschlussreichen Video[3] unlängst auf diese Untersuchungen hingewiesen und unterstützt die darin enthaltenen Nachweise einer Kreuzimmunität gegen SARS-COV2. Denn dieses Virus ist eben nicht so neu und unbekannt, wie die WHO ursprünglich angenommen hatte. Denn inzwischen haben Wissenschaftler eben herausgefunden, dass dieses Virus mit anderen Corona-Erkältungs-Viren eng verwandt ist und deshalb von unserem Immungedächtnis erkannt werden kann.

4.     Dieses Immungedächtnis funktioniert im Grunde so, wie unser biographisches Gedächtnis und bildet die leibliche Identität unseres Körpers aus. Und so wie mit zunehmendem Alter unser biographisches Gedächtnis nachlässt, so lässt das Immungedächtnis der sogenannten T-Zellen im Alter ebenso nach. Immerhin können solche T-Zellen ein Corona-Virus auch nach bis zu 17 Jahren noch wieder erkennen und unschädlich machen.[4]

5.     Ist der Körper jedoch aufgrund anderer Erkrankungen geschwächt, dann ist das Immunsystem mit diesen Krankheiten unter Umständen so stark ausgelastet, dass es einen zusätzlichen Erreger eben nicht mehr abwehren kann. Und das ist bei den vielen älteren, an COVID19 erkrankten Menschen im Frühjahr geschehen. Denn es ist ja bekannt, dass unser Immunsystem, insbesondere bei älteren Menschen im Winter deutlich schwächer ist, weshalb im Winter, besonders aber gegen Ende des Winters im März auch jährlich ein Höhepunkt an Todesfällen und im Sommer, besonders gegen Ende im September die wenigsten Todesfälle zu beobachten sind. [5]

6.     Es geht also bei der Frage, warum seit diesem Sommer zunehmend und deutlich weniger Menschen an COVID19 versterben, vor allem um die Klärung der Rolle der Kreuzimmunität. Diese muss dabei unabhängig von der bisher im Fokus stehenden Bildung von Antikörpern betrachtet werden. Denn unser Immunsystem kann aufgrund der T-Gedächtniszellen auch ohne Antikörper mit SARS-COV2 fertig werden.[6] Insbesondere müsste deswegen aber die Nachweisbarkeit dieser T-Zellen durch praktisch handhabbare Tests auf eine breitere Basis als mit den bisherigen wissenschaftlichen Laboruntersuchungen gestellt werden, damit diese Form der Immunität auch allgemein nachgewiesen werden kann.

7.     Damit wäre dann auch zu klären, ob und bei welchen Menschen, nämlich den Menschen mit einem stark geschwächten Immunsystem, eine eventuelle Impfung gegen COVID-19 überhaupt sinnvoll ist.[7] Bei allen gesunden Menschen mit funktionierendem Immungedächtnis aber würde eine solche Impfung, wie sie für COVID-19 geplant ist, nur unabsehbaren Schaden anrichten.[8]

Abschließend bleibt festzustellen, dass im Journalismus der Leitmedien bei der Bewertung von den häufig aus ihrem Zusammenhang gerissenen Zahlen aufgrund der Komplexität der Zusammenhänge ein zunehmender Verlust an klarem und urteilsfähigem Denken und einer dementsprechend klaren Berichterstattung zu beobachten ist.

Das Netzwerk für evidenzbasierte Medizin hat deshalb bereits am 20. August dringend dazu aufgefordert,[9] die Zahlen und Statistiken zur Corona-Krise in ihren jeweiligen Zusammenhang zu stellen, was allerdings mehr Zeit und Urteilsvermögen erforderlich macht, als sie den meisten Journalist*innen in den Leitmedien heutzutage zur Verfügung zu stehen scheinen.[10]

Andreas Neider



[2] Der ursprüngliche, hier zitierte Titel wurde von T-Online, vermutlich wegen seiner logischen Falschaussage, inzwischen gelöscht und umgeändert.

[4] Siehe dazu meinen Blogbeitrag vom 18. August.

[5] Vgl. dazu: https://www.destatis.de/DE/Themen/Gesellschaft-Umwelt/Bevoelkerung/Sterbefaelle-Lebenserwartung/Tabellen/sonderauswertung-sterbefaelle.html Der bisherige Verlauf der Todeszahlen in 2020 weicht übrigens von dem Verlauf der vorhergehenden Jahre nur unwesentlich bis überhaupt nicht ab.

[6] Siehe dazu die im Beitrag vom 18.8. genannten Untersuchungen.

[7] Diese Frage behandelt Sucharit Bhakdi in dem zitierten Video ab Minute 23:00.

[8] Siehe dazu das genannte Video mit Sucharit Bhakdi ab Minute 36:00.

[10] Kritische und auf überprüften und durchdachten Fakten beruhende Urteilsbildung, wie sie eigentlich von jedem professionellen Journalisten erwartet werden könnte, findet sich in der Corona-Krise tatsächlich nur noch selten. Beispiele dazu findet man täglich nach wie vor auf der Seite von „mulitpolar“: https://multipolar-magazin.de/

 

 

 

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Kommentare: 3
  • #1

    Anne-Katrin Styppa (Montag, 07 September 2020 22:09)

    Sehr geehrter Herr Neider,
    ich bin für sachliche Informationen dankbar und folge gerne Ihrer Logik um mir meine eigenen Gedanken zu machen. Auch ich wünsche mir - allerdings nicht erst seit einigen Monaten sondern schon seit Jahren - oft eine faktenreichere, umfassend erkärende Berichterstattung. Gleichzeitig bin ich frustriert, wenn ich die Überschrift Ihres Textes lese. Sie sprechen hier Journalisten das klare Denken ab. (Es ist zwar als Frage formuliert, aber sichtlich als rhetorische.) Ich sehe da eine Parallele zum Begriff "Covidiot", auch dieser soll ja ausdrücken, der betreffende Mensch könne nicht klar denken.
    Ich wünsche mir dagegen sehr und besonders in der letzten Zeit eine Welt, in der wir einfach allen Menschen Achtung entgegenbringen. Im weiteren Verlauf Ihres Artikels kritisieren Sie dann nur noch die Schlussfolgerungen der betreffenden Texte oder "den Journalismus". Ich würde mich freuen, diesen Geist bei Ihrem nächsten Text auch in der Überschrift zu finden.

  • #2

    Johann Stephan (Mittwoch, 09 September 2020 18:47)

    Klares Denken erwarte ich von jedem Autoren journalistischer Texte. Insbesondere, wenn ein Autor anderen Journalisten die Fähigkeit zum klaren Denken abspricht. Daher werde ich hier mal ein paar klare Gedanken zu den Kernthesen des Artikels versuchen:

    1. These: "Es handelt sich also real um keine Zunahme von Infektionen unter jüngeren Menschen, sondern lediglich um eine Zunahme an positiv Getesteten ohne Symptome in dieser Altersgruppe aufgrund einer veränderten Teststrategie."
    Meine Einschätzung dazu: Zum einen steigt bereits seit Anfang April fast durchgängig der Anteil an gefundenen jüngeren Coronainfizierten (trotz 3-monatiger grob konstanter Testzahl), der Anstieg seit der veränderten Teststrategie ist dagegen gar nicht so groß, was schon darauf hindeuten könnte, dass der höhere Anteil Jüngerer andere Gründe als die Teststrategie hat. Zum anderen kann auch ein massives Testen von Symptomlosen nicht dazu führen, dass bestimmte Altersgruppen im Verhältnis zu anderen Altersgruppen bezüglich der Testpopulation häufiger positiv getestet werden als sie es tatsächlich sind, im Gegenteil: Dadurch, dass zusätzlich symptomatisch getestet wird, sollten im Schnitt Jüngere weiterhin unterrepräsentiert sein bezüglich der Realität in den Testgruppen. Tatsächlich sind sie aber bei den Infektionszahlen inzwischen stark überrepräsentiert. Man muss also davon ausgehen, dass der Anteil der Jüngeren bei den Infektionszahlen in der Realität stark gestiegen ist (sonst hätte man zudem deutlich stärkere Effekte bei den Intensivpatienten und bei den Todesfällen gesehen, als weiteres Indiz). Und dafür gibt es auch sehr eindeutige Erklärungen: Es ist aus Umfragen bekannt, dass gerade die älteren Risikogruppen sich sehr viel vorsichtiger verhalten, als die jüngere Bevölkerung: Sie achten deutlich mehr auf Abstand, tragen eher Mundschutz und lassen sich eher testen. Zudem wird jetzt bei älteren Risikogruppen (Pflegeheime, Krankenhäuser etc.) sehr viel mehr getestet und auf Hygieneregeln geachtet, wodurch der Infektionsanteil der Älteren immer weiter gesunken ist.

    2. These: "Dieses Virus ist eben nicht so neu und unbekannt, wie die WHO ursprünglich angenommen hatte." Und: "[Kann das] Immunsystem der älteren Menschen, die sich bislang noch nicht mit dem Virus infiziert hatten, das Virus aufgrund einer vorhandenen Kreuzimmunität [teilweise] abwehren [...]?"
    Meine Einschätzung: Das Virengenom und seine Struktur sind bereits seit Januar bekannt. Es unterscheidet sich stark von allen anderen bekannten Coronaviren und ist viel gefährlicher, da es viel stärker an menschliche Zellen bindet. An dieser Einschätzung hat sich seit dem nichts geändert. Es ist aber ebenfalls seit dem Frühjahr bekannt (hatte damals bereits Christian Drosten gesagt), dass bei dem (kleinen) Teil Menschen mit einer vorherigen Infektion durch ein ganz anderes (ungefährliches) Coronavirus in der letzten Zeit das Immunsystem auch teilweise schwach auf das neue Coronavirus reagieren könnte, was eventuell erklären würde, warum bereits seit Beginn der Pandemie manche Menschen keinen so schlimmen Verlauf haben. Das gilt aber wie gesagt nur für einen kleinen Teil der Menschen und eine echte Immunität besteht auch bei diesen mit Sicherheit nicht. Und selbst bei erneuter Infektion mit demselben Coronavirus hielte diese Immunität i.d.R. maximal ein paar Jahre. Außerdem: An diesem Sachverhalt hat sich seit Beginn der Pandemie praktisch nichts geändert (siehe auch nächsten Punkt), weswegen auch kein Effekt auf die aktuelle Verschiebung der Altersverteilung der Coronainfizierten seit den Sommerferien damit erklärt werden kann.

    3. These: "Ist der Körper jedoch aufgrund anderer Erkrankungen geschwächt, dann ist das Immunsystem mit diesen Krankheiten unter Umständen so stark ausgelastet, dass es einen zusätzlichen Erreger eben nicht mehr abwehren kann. [...] Es ist ja bekannt, dass unser Immunsystem, insbesondere bei älteren Menschen im Winter deutlich schwächer ist, weshalb im Winter, besonders aber gegen Ende des Winters im März auch jährlich ein Höhepunkt an Todesfällen [...] zu beobachten [ist]."
    Meine Einschätzung: Tatsächlich wird im Winter i.d.R. der Höhepunkt an Todesfällen erreicht, allerdings oft auch schon im Januar oder Februar. Der Grund für diesen Peak ist vor allem die Charakteristik des Influenza-Erregers. Bei maximal mittelstarker Grippesaison ist die Übersterblichkeit spätestens Mitte März wieder auf Null zurückgegangen (in diesem Jahr hatte wir nur eine sehr schwache Grippesaison und quasi gar keine Übersterblichkeit). Der Peak der Coronatodesfälle war in Deutschland aber erst Mitte April. Daher kann dieser Effekt ebenfalls keine relevant erhöhte Sterblichkeit im April erklären.

  • #3

    Johann Stephan (Mittwoch, 09 September 2020 18:50)

    Und hier noch zwei Faktenchecks zu aufgestellten Behauptungen:

    1. Behauptung: "Das Durchschnittsalter der Verstorbenen ist seit dem Frühjahr konstant bei 81 Jahren geblieben."
    Meine Einschätzung: Wenn man nur die Gesamtzahl aller Coronatodesfälle seit März betrachtet, dann stimmt das. Aber darum geht es in der Argumentation nicht. Denn wenn die in den letzten Wochen Verstorbenen deutlich jünger gewesen sind, dann sieht man das in dieser Gesamtstatistik natürlich nicht, da ein paar Dutzend Fälle bei insgesamt über 9300 nicht ins Gewicht fallen. Ich habe das Durchschnittsalter der Todesfälle der letzten Wochen mal grob überschlagen und komme auf etwa 75 Jahre, was bezüglich der extremen altersabhängigen Unterschiede des Risikos schon beträchtlich ist (man beachte zudem, dass die Todesfälle ja immer erst nach ein paar Wochen nach der Infektion in der Statistik auftauchen).

    2. Behauptungen: "Die momentan stark gesunkenen Todeszahlen bei gleichzeitig steigenden Infektionszahlen". Und: "Es ist nicht nur die Todesrate in Prozent herunter gegangen, sondern die absolute Zahl der Verstorbenen".
    Meine Gedanken dazu: Hier muss man differenzieren: Natürlich waren die Infektionszahlen im März/April viel höher als heute, während es im Verhältnis viel weniger Tests gab: Da war dann zwangsläufig natürlich die Todesrate pro bekanntem Infektionsfall und die Zahl der Todesfälle insgesamt viel höher. Allerdings geht es im Text ja um den Zeitraum der geänderten Teststrategie (vor 1 Monat) bzw. des Neuanstiegs der Infektionszahlen (die bereits 2-3 Wochen vorher anfingen zu steigen) und die Frage der Veränderung der Altersgruppenanteile in dieser Zeit. Tatsächlich lag die Zahl der Todesfälle in den letzten 2 Monaten aber immer bei etwa 20-40 Todesfällen pro Woche. Weder momentan noch seit dem gemeinten erneuten Anstieg der Infektionszahlen gab es gesunkene Todeszahlen - geschweige denn stark gesunkene. Im Gegenteil: Zum Ende der Feriensaison in den meisten Bundesländern (2. Augusthälfte) stiegen die Todeszahlen leicht von etwa 20 auf etwa 40 Fälle pro Woche.

    Abschließend meine Meinung: Da ich selber auf dem Gebiet studiert habe und sämtliche Informationen aller! Medien sehr kritisch hinterfrage, kann ich versichern, dass keiner der genannten pauschalen Vorwürfe gegen die "Leitmedien" korrekt ist.