Alternativen zum Lockdown und eine staatsfreie Perspektive auf die Impfstrategie

[Andreas Neider:] Das Versagen der Lockdown-Politik und die Alternativen

Die Kritik an der alternativlosen Lockdown-Politik und an der Impfstrategie der Regierung und der Länder wird immer lauter und deutlicher. Frei von bloßem Widerwillen oder blindem Protest weisen der Tübinger Oberbürgermeister Boris Palmer und das Autorenteam um Prof. Matthias Schrappe auf das Versagen der Lockdown-Politik hin.

Beginnen wir mit Boris Palmer, der der Kanzlerin in einem jüngst in der „Welt“ erschienenen Beitrag bescheinigte: „Frau Bundeskanzlerin, I am not convinced!“[1] In seinem Beitrag hieß es dazu:

„Wenn wir auch wenig Gewissheit haben, das Ergebnis kennen wir. Die Kanzlerin tritt vor das Volk und verkündet erneut „härtere Maßnahmen“. Härte gegen die eigene Bevölkerung scheint ein Gütesiegel der Politik zu werden. Der Lockdown wird wieder verschärft und wieder verlängert. … Zum Schutz der Risikogruppe findet sich im Papier der Regierungen zwar etwas. Das liest sich aber mehr wie eine Kapitulationserklärung. Man habe doch schon vor drei Wochen festgelegt, dass in Alten- und Pflegeheimen nun regelmäßig getestet werden solle, das finde aber nicht statt. Die Verantwortung wird den Trägern der Einrichtungen zugeschoben. Man kann aber von niemand mehr verlangen, als er zu leisten vermag. Das Personal arbeitet ohnehin am Anschlag.

Der Stadtrat in Tübingen hat ab Mai von der großen Politik eine Finanzierung des Tests in Altenheimen gefordert. Weil niemand uns gehört hat, stellte die Stadt 250.000 Euro eigene Mittel dafür bereit. Das Projekt der regelmäßigen Testungen haben wir unter Leitung der Tübinger DRK-Präsidenten Lisa Federle im August begonnen. Bis wir alles voll in Betrieb hatten, war es November. Ein halbes Jahr lang gab es keine Ausbrüche in den Heimen, im Dezember konnten zwei Ausbrüche auf zusammen acht Bewohner begrenzt werden, während andernorts fast alle Bewohner in solchen Situationen krank werden und viele sterben. Solche Strukturen aufzubauen braucht Zeit, Vorbereitung und engagierte Mitwirkende. Wer erst Ende Dezember entsprechende Vorgaben macht, darf sich Anfang Januar nicht wundern, dass die Umsetzung noch nicht überall klappt.“

Und in einer weiteren Stellungnahme Palmers vom 11.1. 2021 heißt es:[2]

„Wenn die Politik an der Inzidenz 50 festhalte oder gar auf 25 runtergehe, werde der Lockdown noch mehrere Monate gehen: „Das wird massive Schäden verursachen und möglicherweise gar nicht viel nützen.“ Daher sei er der Meinung, „dass wir ab Anfang Februar über Lockerungen reden müssen“. Schulen und Kitas müssten – kontrolliert – wieder aufmachen, was Baden-Württemberg auch vorhabe. „Schärfer als jetzt geht es nicht“, sagt der Tübinger OB. „Wir können uns nicht mehr abverlangen, als wir es schon tun. Das Ende der Fahnenstange sei erreicht. …Der Innenstadthandel sei schon auf der Intensivstation, der fällt bald ins Koma.“

Kanzlerin Merkel lässt nichtsdestotrotz mittlerweile verlautbaren, den Lockdown bis Ostern fortsetzen zu wollen.[3] Weiß die Kanzlerin noch, was sie hiermit für einen Schaden anrichtet?

Noch konkretere Alternativen benennt das Autorenteam um den Kölner Medizinprofessor Matthias Schrappe. Sein Team hat nun seit Beginn des ersten Lockdowns das siebte Thesenpapier zur Lockdown-Politik vorgelegt[4] und dabei erneut Alternativen zum vorherrschenden Lockdown-Denken aufgezeigt. Ebenso wie Palmer sehen sie das Versagen der Politik in den verfehlten Lockdowns, die der eigentlichen Risikogruppe auch jetzt nichts gebracht hat:„Es kommt hinzu, dass die bislang von der politischen Führung präferierte allgemeine Präventionsstrategie nicht zu einem Erfolg geführt hat: Die Lockdown-Politik ist gerade für die vulnerablen Gruppen wirkungslos. Die vorübergehende Abflachung der Meldezahlen vor Weihnachten war in allen Altersgruppen zu beobachten, nur nicht in den höheren Altersgruppen über 85 Jahre. Es besteht die paradoxe Situation, dass eine mit hohen gesellschaftlichen Kosten verbundene Lockdown-Politik durchgesetzt wird, ohne andere Optionen in Betracht zu ziehen und über einen dringend notwendigen Strategiewechsel überhaupt nur nachzudenken, obwohl die am stärksten Betroffenen, die höheren Altersgruppen und Pflegeheimbewohner/Innen, durch einen Lockdown nicht geschützt werden.“ Die Wissenschaftler machen dabei auf drei Zahlen aufmerksam: 85 Prozent der Covid-Toten sind älter als 69 Jahre, in deutschen Pflegeeinrichtungen leben etwa 850.000 Senioren. Ob sie die Pandemie überleben, und wie sehr sich das Virus auch in den Krankenhäusern verbreitet, sehen die Autoren als entscheidend an. Sie dringen deshalb, ähnlich wie Boris Palmer, bereits seit dem Frühjahr 2020 darauf, die „verletzlichen Gruppen“ ins Zentrum der Pandemiebekämpfung zu rücken. Wie sehr das Bund und Ländern missglückt ist, sehen die Wissenschaftler im Kurvenverlauf der Pandemie von Anfang November bis in den Tagen vor Weihnachten nachgewiesen. In allen Altersklassen ist eine deutliche Abflachung der Infektionszahlen zu beobachten. Nur nicht in der höchsten Altersgruppe der über 85-Jährigen. Hier rasen die Zahlen ungebremst in einem steilen Peak nach oben, begleitet von der stark steigenden Sterberate, die in der Kalenderwoche 51 auf einem Rekordwert von 88 Prozent ankommt. Während sie im anderen Extrem bei den unter 50-Jährigen zwischen 0,04 und 0,8 Prozent liegt.

„Es ist paradox“, sagt Matthias Schrappe. „Hier wird eine mit hohen gesellschaftlichen Kosten verbundene Lockdown-Politik durchgesetzt, ohne andere Optionen in Betracht zu ziehen oder über einen Strategiewechsel überhaupt nur nachzudenken.“ Dass niedrige Inzidenzen die Alten schützen könnten, hält Schrappe für „zu kurz gedacht. Diese Menschen können von dem Lockdown gar nicht profitieren, schließlich sind sie sowieso schon eingeschlossen. Einem 80-Jährigen muss man nicht raten, sich nicht 15 Kilometer von seinem Wohnort zu entfernen.“[5]

Zu Beginn dieses Jahres 2021 sei daher die Bilanz der Corona-Politik von Bund und Ländern „bedrückend“, eine langfristige Strategie sei nicht erkennbar. Das Ziel des erneuten Lockdowns – eine Sieben-Tage-Inzidenz von 50 Fällen pro 100.000 Einwohner – sei in unerreichbarer Ferne. Stattdessen mache sich momentan ein falscher Eindruck breit: Die Impfstoffe änderten alles, man könne sich zurücklehnen nach dem Motto „die Spritze wird es richten“.

Die Arbeitsgruppe um Schrappe, früher stellvertretender Vorsitzender des Sachverständigenrats der Bundesregierung empfiehlt daher schon seit längerer Zeit Schutzkonzepte für Risikogruppen und fordert, alte Menschen, die allein leben, nicht abzuschotten, sondern durch vermehrtes Testen, speziell geschultes Personal, sowie direkte Ansprache durch die Pandemie zu begleiten. Zu den neun Autoren zählen ehemalige Mitglieder des Sachverständigenrats Gesundheit der Bundesregierung, Medizinprofessoren sowie Fachleute der Krankenkassen.

 

Welches Konzept verfolgt die Regierung mit ihrer Impfstrategie?

Bislang lässt sich aber auch bei der Impfstrategie der Regierung nicht erkennen, wie diese aus den fortgesetzten Lockdowns heraus führen soll. Schrappe sieht auch hier die Gefahr, dass die Lockdowns fortgesetzt werden, wenn die Strategie nicht geändert wird. Mit den jetzt beginnenden Impfungen in den Alten- und Pflegeheimen rechnen die Autoren damit, dass sich die Situation dort entschärft. „Wir werden es Ende Februar, Anfang März mit einer deutlich sinkenden Mortalität zu tun haben“, sagt Schrappe. Doch die Infektionszahlen werden voraussichtlich nach wie vor hoch sein: „Ist die Politik dann selbstkritisch und selbstreflektierend genug, dass sie trotz eines weiterhin dynamischen Infektionsgeschehens sagt, ‚das Hauptproblem haben wir gelöst, also können wir die Maßnahmen lockern‘?“[6]

Hinzu kommt, dass der Impfschutz durch die bislang verimpften genetischen Impfstoffe nicht gewährleistet, dass die Infektion nicht doch weiter gegeben werden kann. Es werden durch die Art der Impfstoffe nur die schweren Verläufe und Todesfälle verhindert. Bislang ist jedoch nicht gesichert, dass eine Infektion prinzipiell verhindert und nicht weiter gegeben werden kann. Das hängt vor allem mit der Wirksamkeit dieser Impfstoffe zusammen, die sich vor allem auf die Immunisierung der unteren Atemwege, nicht jedoch die der oberen Atemwegen konzentriert.

Der Vakzinologe Florian Kammer schreibt dazu in einem Tweet und in einem Beitrag in Nature:Alle Spitzenreiter und die meisten der 180 in der Pipeline befindlichen Impfstoffe werden intramuskulär/als Injektion verabreicht. Dieser Weg ist gut geeignet, um IgG zu induzieren, das in den unteren Atemwegen vorherrscht und zum Schutz der Lunge beiträgt, was großartig ist.

Diese injizierten Impfstoffe sind jedoch schlechte Induktoren von Schleimhautantikörpern im oberen Respirationstrakt, der größtenteils durch sekretorisches IgA1 geschützt ist. Dies könnte zu einer Immunität führen, die die Lunge schützt (milde/keine Erkrankung), aber dennoch eine Infektion und möglicherweise Weiterübertragung des Virus ermöglicht.

Natürliche Infektionen oder abgeschwächte Lebendimpfstoffe induzieren Schleimhautimmunität, und abgeschwächte Lebendimpfstoffe könnten die sterilisierende Immunität in den oberen Atemwegen wesentlich besser induzieren.

Indem wir keine Lebendimpfstoffe entwickeln, können wir am Ende Impfstoffe erhalten, die uns vor Krankheiten, aber nicht vor Infektionen schützen, und wir könnten das Virus immer noch an andere weitergeben. Dies wurde z.B. bei Impfstoffen gegen Grippeviren beobachtet.“[7]

Sprich: Was wir von der jetzigen Impfkampagne die in ihrer jetzigen Stufe gezielt auf die ältere Bevölkerung ausgerichtet ist, erwarten können, ist lediglich ein Rückgang an schweren Erkrankungen und Todesfällen, nicht aber einen generellen Rückgang an Infektionen!

 Matthias Schrappe schätzt hierzu: „Eine überschlägige Skizzierung erbringt den klaren Befund, dass die Impfung der Hochrisikogruppen kurz-mittelfristig zu einer Reduzierung der Mortalität und Morbidität, aber nicht der Melderaten führen wird: bei Annahme einer hohen Wirksamkeit der Impfung auf die Rate der Infektionen (die Zulassungsstudien beziehen sich nur auf die symptomatischen Verläufe bei bereits Infizierten) werden in der ersten Märzwoche nur rund 20.000 von insgesamt 150.000 gemeldeten Infektionen (13%), aber in den Alterskohorten über 80 Jahre 3.200 von 4.700 Sterbefällen (68%) verhindert. Dies stellt ein weiteres Argument dafür dar, die Melderate und die daraus abgeleiteten Grenzwerte in den Begründungsszenarien der politischen Führung zu relativieren.“[8]

 

Das Ziel aller Maßnahmen

Auch hier wird deutlich, dass unter den genannten Gesichtspunkten die Lockdowns spätestens ab Anfang Februar endlich zurückgefahren und beendet werden müssen, und zwar einfach deshalb, weil es nicht das Ziel sein kann, Infektionen prinzipiell zu beenden, sondern, weil es der Politik darum gehen muss, neben der Verhinderung von schweren Verläufen und Todesfällen vor allem eines wieder zu gewährleisten: die Wiederherstellung der Grundrechte der Bürger in diesem Land! Denn darin besteht die eigentliche Aufgabe des Staates, während die Pflege der Gesundheit der Menschen erstens aus individueller Verantwortung und zweitens auf der Grundlage eines freien Geisteslebens, sprich medizinscher Forschung und Dienstleistung zu erfolgen hat.

Denn wie auch der US-Experte Marc Lipstich von der Harvard School of Public Health betont, könne es nicht darum gehen, COVID-19 vollständig zu eliminieren. Andere Infektionskrankheiten wie die Grippe, seien auch nicht ausgerottet, dennoch würde man deswegen keine Lockdowns veranstalten. Vielmehr ginge es darum, die Erkrankung durch die Impfungen der besonders bedrohten Bevölkerungsgruppen  soweit einzudämmen, dass die schweren und tödlichen Verläufe verhindert würden.[9]

 

Eine Impfstrategie im Sinne des freien Geisteslebens

Damit die Impfungen aber zu diesem hier formulierten Ziel führen können, bedarf es einer wissenschaftlich basierten Begleitung. Andernfalls ist zu befürchten, dass die staatlich lancierte Impfkampagne nur dazu genutzt wird, staatlich reglementierendes Handeln weiter fortzuführen und zu einer Art Dauerzustand ausarten zu lassen. Der Erfolg oder Misserfolg der Impfungen sollte daher in erster Linie von wissenschaftlichen Interessen  und nicht von staatlicher Aufsicht und erst Recht nicht von wirtschaftlichen Interessen begleitet werden.

Das Konglomerat aus Lobbyismus der Pharmakonzerne und staatlichem Dirigismus, das sich unter anderem auch in den geheimen Verhandlungen der EU-Kommission mit den Pharmakonzernen über die Impfstoffeinkäufe ausdrückt,  bilden hier ein äußerst gefährliches Gemisch, das einem freien Geistesleben, sprich der allein von wissenschaftlichen Interessen geleiteten Begleitung des Impfprozesses entgegen steht. Auch die Tatsache, dass der Staat die Impfstoffe bezahlt und mithin über deren Verwendung entscheiden will, stellt in diesem Sinne einen bedenklichen Eingriff in das freie Geistesleben dar. Allenfalls die gerechte Verteilung der Impfstoffe kann als eine Aufgabe des Staates angesehen werden. Die Impfung selber hingegen muss Gegenstand des vertrauensvollen Gespräches zwischen Arzt und Patient bleiben.

Was die Impfstrategie betrifft, so fordert deshalb nicht nur die Gruppe um Matthias Schrappe eine wissenschaftliche Begleitung: „Es ist daher unumgänglich, von Beginn an mit Analysen von Outcome-Daten (Schutz von Erkrankung, unerwünschte Wirkungen u.a.) einschließlich der Bildung einer nicht-geimpften Kontrollgruppe die Wirkung der Kampagne zu analysieren.“[10]

„Es wäre daher sinnvoll, die Krankenversichertenkarte bei der Impfung mit einzusetzen, obwohl der Bund und nicht die Krankenkassen diese Impfung bezahlen. Dazu müssten die Impfzentren aber mit Kartenlesegeräten wie in der Arztpraxis oder im Krankenhaus ausgestattet werden. Danach könnten dann Abfragen bei den Krankenkassen mit Hilfe pseudonymisierter Daten Geimpfte (hier lägen die Daten aus den Impfzentren vor) und Nichtgeimpfte (hier gibt es keinen Eintrag aus den jeweiligen Impfzentren) unterschieden und selektiv ausgewertet werden – der notwendige Vergleich zwischen Geimpften und Nichtgeimpften und dem Auftreten von schwerwiegenden behandlungsbedürftigen unerwünschten Wirkungen wäre auf dieser Basis möglich.

Dieser Vorschlag der Deutschen Gesellschaft für Epidemiologie und anderer Fachgesellschaften wurde allerdings bisher nicht berücksichtigt, es besteht daher die Gefahr, dass dadurch relevante Daten für Studien zur Sicherheit der Impfungen nicht zur Verfügung stehen werden. Dies könnte sich negativ auf die Impfbereitschaft und das Vertrauen in die Impfkampagne auswirken.“[11]

Auch die beiden anthroposophischen Kinderärzte David Martin (Inhaber des Gerhard Kienle Lehrstuhls für Medizintheorie, Integrative und Anthroposophische Medizin an der Universität Witten-Herdecke) und Georg Soldner (stellvertr. Leiter der Medizinischen Sektion am Goetheanum, Dornach/Schweiz) haben in einem längeren Beitrag zu den COVID-19 Impfungen den Vorschlag gemacht, Geimpfte und Nicht-Geimpfte wissenschaftlich zu vergleichen:

„Nur ein sauberes vergleichendes Erfassen Geimpfter und Ungeimpfter wird mittelfristig diejenigen Antworten geben können, auf die eine informierte Öffentlichkeit eines demokratischen Staates ein Recht hat und die zu nachhaltig evidenzbasierten Impfempfehlungen – nicht nur für sogenannte Risikogruppen – führen können.“[12]

Entscheidend ist deshalb für beide Autorenteams die individuelle Impfberatung, die in den jetzt von Regierungsseite installierten Impfzentren keinesfalls gewährleistet ist. David Martin und Georg Soldner äußern sich hierzu sehr konkret:

„In dieser Situation ist die freie informierte Impfentscheidung unseres Erachtens die einzig rechts- und evidenzkonforme Lösung der Impffrage bei COVID-19. Angesichts des limitierten Wissens sind Ärztinnen und Ärzte unseres Erachtens bei allen Erwachsenen verpflichtet, diese partizipativ in die Impfentscheidung einzubeziehen, analog einem neu etablierten operativen Verfahren mit zeitlich begrenzter Evaluation. Das sollte aus unserer Sicht ganz besonders für medizinisches Personal selbst gelten.[13] Die Geschichte des Impfens zeigt von jeher, dass auch die besten Impfstoffe selten oder sehr selten bleibende Schädigungen des Organismus bei vorher Gesunden bewirken können. Obwohl diese Tatsache so wenig ein Gegenargument ist wie die sehr seltenen Komplikationen bei einer Sectio caesarea (Kaiserschnitt) oder Appendektomie (Blinddarmoperation), bedarf sie doch der informierten Zustimmung, die in den operativen Fächern ebenso selbstverständlich geworden ist wie eine orientierende körperliche Untersuchung. Die Rechtslage ist im Bereich von Schutzimpfungen, die im Gegensatz zu operativen Eingriffen oft an Gesunden vorgenommen werden, mindestens ebenso streng zu handhaben.

Konkret bedeutet das, dass in jeder Impfberatung, nicht nur schriftlich, über die Krankheit, den Impfstoff, seine Wirksamkeit und dessen mögliche Nebenwirkungen zu informieren und die Gelegenheit zu Nachfragen zu geben ist. Eine nicht ergebnisoffene Beratung ist juristisch unglaubwürdig. Angesichts dieser – bei Impfschadensprozessen durchaus greifenden – Rechtslage ist es ein Skandal, dass es derzeit im deutschen Gesundheitssystem für eine ergebnisoffene Impfberatung in der Praxis keine Erstattung gibt. Impfberatung als ärztliche Leistung wird dort bisher kassen- wie privatärztlich nur im Zuge einer vollzogenen Impfung honoriert. Juristisch ist ein solches System an sich nicht akzeptabel, weil es hochgradig den Verdacht auf eine einseitige Information vonseiten des Arztes weckt.

Aus unserer Sicht bietet die Kombination einer freien Impfentscheidung mit einer transparent und herstellerunabhängig geführten Registerstudie zur Erfassung aller COVID-19-Impfungen und einem systematisch nach vorab festgelegten Zielkriterien durchgeführten Vergleich der mit diversen Impfstoffen Geimpften untereinander und mit der Gruppe Ungeimpfter derzeit eine rechtlich, wissenschaftlich wie in Hinsicht auf soziale Akzeptanz bestmögliche Lösung.“[14]

 

Auch Immunität ist eine individuelle Angelegenheit und nicht die Sache staatlicher Bevormundung

Ungeklärt bleibt bei den hier vorgestellten wissenschaftlich begleiteten Impfstrategien, wie alle bereits Infizierten, deren Anteil in der Bevölkerung mittlerweile bei etwa 10-15% liegen dürfte,[15] in diese Strategie einbezogen werden sollen. Denn eine überstandene Infektion bietet mindestens denselben Schutz wie eine Impfung mit den genetischen Impfstoffen.[16] So kommen mehrere wissenschaftliche Studien zu dem eindeutigen Ergebnis, dass die Immunität nach einer überstandenen  COVID-19 Infektion deutlich länger anhaltend ist, als es die Nachweisbarkeit von Anti-Körpern vermuten lässt. Dies hängt vor allem damit zusammen, dass das Immungedächtnis vor allem auf den T-Zellen beruht, die sehr viel langlebiger sind als die nur etwa drei Monate nach der Infektion nachweisbaren Antikörper.[17] Daher empfiehlt der Autor einer dieser Studien einen T-Zellen-Test vor jeglicherCOVID-19- Impfung.[18]

Wie dem auch sei: Aufgabe des Staates kann es unter diesen Kriterien nur sein, sich sobald als möglich aus diesem sensiblen Bereich des freien Geisteslebens, nämlich der freien und individuellen Impfentscheidung, zurückzuziehen und die Aufklärungsarbeit und wissenschaftliche Begleitung den Menschen zu überlassen, die dafür qualifiziert und ausgebildet sind. Die staatlicherseits etablierten Impfzentren bieten dazu die denkbar ungünstigste Voraussetzung. Konzentrieren sollte sich der Staat hingegen auf den von Boris Palmer und Matthias Schrappe gefordert gezielten Schutz der Risikogruppen in den Alten- und Pflegheimen nach dem Tübinger Modell.

Die Politik hat sich jedoch an die dirigistischen und bevormundenden Lockdown-Maßnahmen gewöhnt. Der NZZ-Redakteur Eric Gujer stellt dazu fest:  „Alle warnen vor einer Spaltung der Gesellschaft. Nur gemeinsam könne man die Krise überwinden, versichern die Politiker in schönster Einigkeit. Was sie aber meinen, ist etwas ganz anderes: Sie wollen ihre Allmacht nicht preisgeben, an die sie sich in der Corona-Krise gewöhnt haben. Dieser in Demokratien eigentlich unvorstellbare totale Zugriff auf eine Gesellschaft scheint einigen zu Kopfe gestiegen zu sein. So mancher Minister oder Abgeordnete[19]  vermag sich offenbar gar nicht mehr vorzustellen, wie Menschen ohne Bevormundung leben können.  

Zu einem selbstbestimmten Leben gehört, dass jeder die Folgen seines Impfstatus selbst abschätzt, so wie jeder die meisten Lebensrisiken selbst tragen muss. Die Erwartung, der Sozialstaat treffe «Daseinsvorsorge» für alle nur denkbaren Lagen, ist zwar tief in der deutschen Psyche verankert. Der Ausnahmezustand der Seuche macht jedoch deutlich, dass dies nur eingeschränkt möglich ist.

Wie Ausbildung, Einkommen, Partnerwahl und sogar der Gesundheitszustand wesentlich von individuellen Entscheidungen abhängen, kann der Staat auch nicht in der Pandemie alle Wechselfälle des Schicksals ausgleichen. Gerecht ist das nicht. Gerade in den existenziellen Dingen gehört Ungleichheit zu den Grundkonstanten des Lebens.“[20]

Andreas Neider

 

 


[6] A.a.O.

[10] Thesenpapier Schrappe, A.a.O.

[13] Nicht umsonst ist die Impfskepsis deshalb beim medizinischen Fachpersonal besonders hoch. https://www.dw.com/de/warum-einige-%C3%A4rzte-und-pfleger-die-corona-impfung-abwarten-wollen/a-56159624

[19] Ein krasses Beispiel eines solchen Politikers bietet der SPD-Abgeordnete Karl Lauterbach, der seine dirigistischen Empfehlungen permanent in der Öffentlichkeit verbreitet, ohne jemals danach gefragt oder dazu beauftragt worden zu sein.


 

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Kommentare: 3
  • #1

    Cornelis Bockemühl (Dienstag, 12 Januar 2021 23:41)

    Ist ja alles schön und gut, aber man sollte doch auch zur Kenntnis nehmen, dass die Sterblichkeit in sämtlichen Altersgruppen in D und AT und CH und vielen anderen Ländern im Jahr 2020 diejenige der Jahre 2010 bis 2019 nicht übertrifft, wenn man dabei auch berücksichtigt, dass die Bevölkerung im Durchschnitt älter wird - sprich: die Gruppen der Hochbetagten relativ immer mehr anwachsen! Sorry für den Bandwurmsatz...

    In anderen Worten: All diese schönen Gedanken zum "Schutz der Hochbetagten" sind auch noch immer in gewissem Masse Panikmache! Dass jetzt angeblich so viele aus dieser Altersgruppe "an Corona sterben" wird ja dadurch kompensiert, dass die Grippe einfach nicht mehr vorkommt. Sprich: Was früher die Grippe war heisst heuer einfach Corona - so einfach ist das.

    Ohne hier irgend etwas verharmlosen zu wollen könnte man durchaus noch zwei-drei Schritte weiter gehen und zunächst vor allem mal aufhören mit der irren Testerei! Die dient nur der Panikmache und trägt zu einer Verbesserung der Therapie rein garnichts bei. Selbstverständlich ist es trotzdem immer eine gute Idee, wenn man mit einem grippalen Infekt zu Hause bleibt und vor allem zu den Grosseltern ein wenig Abstand hält, da diese, wie auch immer schon bei jeder Grippe, ein etwas schwächeres Immunsystem haben - altersbedingt.

    Andererseits ist es für jemand, der 90 Jahre alt ist, immer eine sehr offene Frage, ob er oder sie die nächste Weihnacht noch erlebt! Wenn man dann nur aus Angst vor einer Infektion auf menschliche Begegnungen verzichtet kann es gut sein, dass man damit einem Menschen die letzte Gelegenheit zu solchem Erleben geraubt hat. Ist virenfrei zu sein etwa der einzige Lebenssinn?

    Was im einzelnen Fall das Richtige ist wird niemals der Staat entscheiden können. Vernünftig ist aus diesem Grund auch kein einziges von oben verordnetes "Schutzkonzept", und sei es noch so clever ausgedacht und gut gemeint. Ämter können uns bestenfalls Ratschläge erteilen, denen man dann je nach Situation frei folgen kann - oder auch nicht.

    Leider ist ein solches Mass an Vernunft in der gegenwärtigen Situation (noch??) völlig utopisch! Da freut man sich dann schon über den etwas reduzierten Wahnsinn, der sich etwa in einer massiv hoch gefahrenen Testerei in Pflegeheimen äussert und zugleich wenigstens die Lockdowns beiseite lässt...

  • #2

    Elke Walker (Donnerstag, 14 Januar 2021 17:16)

    Eine versöhnliche Lektüre-Empfehlung: "Unser Blick auf die Naturwissenschaften in der Corona-Pandemie" von Wolfgang Jaschinski in der Zeitschrift "Die Christengemeinschaft" Heft 1/2021

  • #3

    Bernhard Zens (Samstag, 16 Januar 2021 16:03)

    Vielen Dank für diese tiefgründige Darstellung der Zusammenhänge bzgl. der Gesellschaft, Personen-Rechte, Grundrechte, wo enden die Grenzen der Gesellschaft gegenüber dem einzelnen und der Politiker und der Parteien gegenüber dem Bürger!? Auch möchte ich nicht, daß über mich verfügt wird! Ich kann und will selbstständig entscheiden und keine Entscheidungen aufgenötigt bekommen! Aufgenötigte Entscheidungen sind keine freie Entscheidungen!
    Viele Grüße B.Z.