Dient das „Frei-Testen“ nur als Vorübung für den Impfnachweis?

 

Das Tübinger Modell wird momentan überall bejubelt und nachgeahmt und mittlerweile sogar von der Kanzlerin empfohlen. Aber was wird außer einem momentanen Freiheitsgefühl und einer gefühlten Rückkehr zur Normalität damit erreicht?

 

Nicht nur in den Innenstädten, also für den Konsum und die Gastronomie, sondern auch bei Groß-Veranstaltungen ist das Experiment mittlerweile erprobt worden – so etwa bei einem Konzert mit 1000 Zuhörern in der Berliner Philharmonie am 20.3. und bei einer Sportveranstaltung mit 900 Zuschauern am 24.3. Wie schön, mag man zunächst denken, dass Normalität doch wieder möglich ist.

 

Doch auch mit Test herrscht das Misstrauen vor, denn der Negativtest befreit nicht vom Maskenzwang. Das heißt, auch in Tübingen wird nach wie vor Maske getragen, auch wenn es sich um definitiv Gesunde handelt. Es könnte ja sein…

 

Dient dieses anscheinend erfolgreiche Experiment, das mitnichten einer zuvor bestehenden Normalität entspricht, nur der Einübung in einen Kontrollmodus, bei dem anstelle eines Negativtests in Zukunft der Impfnachweis treten soll? Sollen wir die vermeintliche Freiheit jetzt genießen dürfen, um sie uns anschließend durch eine Impfung endgültig zurückzukaufen?

 

Einen kleinen Vorgeschmack bildet etwa diese Meldung aus dem Landkreis München[i]:

 

Testen: „Eine extrem wichtige Säule, für die wir uns rüsten müssen“

 

Der Landkreis (München) würde gern mit gutem Beispiel vorangehen und hat beim Bayerischen Gesundheitsministerium Interesse signalisiert, Modellprojekt nach dem Vorbild der Stadt Tübingen zu werden. Die Grundidee: Mehr Freiheitsrechte und eine intensive Teststrategie werden aneinander gekoppelt.

 

Unabhängig davon, ob der Landkreis zum Modellprojekt wird oder nicht: Neben dem Impfen sei das Testen „eine extrem wichtige Säule, für die wir uns rüsten müssen“, so der Landrat. Außer Testkapazitäten müsse man ein digital hinterlegtes System aufbauen mit QR-Codes, die das „Ich darf rein“ klar belegen, egal ob für Schule oder Biergarten. Auch Alibi-Namen wie „Mickimaus“ bei Kontaktdatenerfassung sollen „durch negative Testzertifikate“ ausgeschlossen werden.

 

Nach den Osterferien beginnt das große Testen in den Schulen: 190 000 Schnelltests erhält der Landkreis vorerst, die Test-Kits werden nach den Ferien ausgegeben und sollen für ein paar Wochen reichen. Jenseits der Schulen wünscht sich Göbel eine rigorose Teststrategie auch für den Alltag, mit einer Art digitalem Unbedenklichkeits-Nachweis: „Wer das nicht will, darf halt nirgendwo rein. Sowas muss die Politik sich schon trauen.“ Es gelte, dies mittels einer bayernweiten Software festzuzurren.

 

Was das Impfen angeht: „Bis Ostern“, glaubt Göbel, „sollten wir es geschafft haben, aller Landkreisbürger der Priorität I geimpft zu haben.“ Nun gehe es darum, mit Personen der Priorität II schnellstmöglich fortzufahren „und auch medizinische Härtefälle, unabhängig vom Alter, anzugehen“. Das wird zunehmend über Hausarztpraxen geschehen, von denen schon 40 am Impf-Pilotprojekt teilnehmen; für die Impfzentren indes wird das Volumen der Impfstofflieferungen ab April auf bisherigem Niveau eingefroren, also nicht mehr erhöht.

 

„Honni soit qui mal y pense!“ – „Ein Schelm, wer Böses dabei denkt…“

 

In Israel ist der neue Kontrollmechanismus bereits Realität. Dort erhält man zu bestimmten Restaurants und Geschäften nur noch Zutritt mit dem „green passport“, also mit Impfnachweis. Dagegen hat sich allerdings sehr rasch eine Protestbewegung gebildet, die dem „green passport“ ein „humanity label“ entgegen hält.[ii] Dieses Label besagt, dass in dem betreffenden Restaurant oder Geschäft niemand diskriminiert wird, weil er über keine Impfung verfügt.

 

Eine der Initiator*innen des „humanity labels“, Adi Treves, unterstreicht die Bedeutung des Labels: „If there is a business that deems you unworthy of entering, then that business is unworthy of your business.” „Wenn ein Geschäft dich für unwert erklärt, es zu betreten, dann ist es nicht wert, dass du ihm dein Geld gibst“. Ein Ladenbesitzer, der das „humanity label“ vertritt, sagt dazu: „I don’t care if you’ve been vaccinated or not, it’s none of my business.” „Es kümmert mich nicht, ob du geimpft bist, das ist nicht meine Angelegenheit.“

 

Und auf der Facebook-Seite der neuen Bewegung heißt es: „Just as it is illegal and unacceptable that in 2021 a person is judged by his gender, religion, origin, sexual preference or skin color, we declare … we will not withhold service according to a person’s private choices about his health. … It is not legal, ethical or sane to remove a person from public space due to his medical choices.” „Ebenso, wie es illegal und inakzeptabel ist, dass in 2021 eine Person aufgrund ihres Geschlechtes, ihrer Religion, ihrer Herkunft, ihrer sexuellen Orientierung oder ihrer Hautfarbe verurteilt wird, erklären wir, dass wir unsere Dienste niemandem aufgrund seiner privaten Einstellung bezüglich seiner Gesundheit verweigern werden. … Es ist weder legal, noch ethisch, noch gesund, eine Person in Abhängigkeit von ihrer medizinischen Einstellung vom öffentlichen Leben auszuschließen.“

 

An dieser neuen Bewegung in Israel, der sich zunehmend mehr Geschäfte und Veranstalter im ganzen Land anschließen, zeigt sich, worauf es bei allen diesen Fragen wohl am meisten ankommt: „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“

 

Andreas Neider

 

 


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